DIE GEDENKSTÄTTE

Die Geschichte des Zellentrakts von 1914 bis heute

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

In den Jahren 1913 bis 1917 (während des Ersten Weltkriegs) errichtete die Stadt Herford auf dem ehemaligen Gelände der Fürstabtei Herford nach dem Entwurf des Hannoveraner Professors Kanold das neue Rathaus. Im Erdgeschoss des linken Gebäudeteils wurde die Polizeiwache mit Polizeigefängnis untergebracht.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

Hier waren bis 1964 die Herforder Schutz- und Kriminalpolizei tätig. In der NS-Zeit (1933-45) war hier auch eine Außenstelle der GESTAPO (GEheime STAatsPOlizei) untergebracht.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

Während vor 1933 und nach 1945 die Polizeiwache ihre normalen Aufgaben wahrnahm, war sie in der NS-Zeit ein Ort der gewaltsamen Verfolgung der politischen, religiösen und sozialen Minderheiten.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

In dem zur Wache gehörenden Zellentrakt waren bis 1933 in der Regel die aus verschiedenen Gründen Verhafteten für einige Tage eingesperrt, um auf der Wache vernommen zu werden und von hier aus vor Gericht oder in andere Gefängnisse gebracht zu werden. Andere Gefangene mussten hier für kleinere Straftaten sogenannte Polizeistrafen von mehreren Tagen absitzen.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

In der NS-Zeit wurden im Zellentrakt durch Kriminalpolizei und GESTAPO meist ohne gesetzliche Grundlage Angehörige der verfolgten Minderheiten eingesperrt. Dies betraf direkt nach der „Machtergreifung“ zunächst die sogenannten „Schutzhäftlinge“, Mitglieder von KPD, SPD und Gewerkschaften, aber auch schon Menschen jüdischen Glaubens, denen meist sogenannte „Rassenschande“ vorgeworfen wurde. In der weiteren Zeit kamen Verfolge anderer religiöser Minderheiten, z.B. Zeugen Jehovas (die aus religiösen Gründen den „Hitlergruß“ und Wehrdienst verweigerten) oder Sinti und Roma in Haft. Dazu kamen Angehörige sozialer Minderheiten wie Obdachlose und Arme. Nach der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 wurden hier zahlreiche Juden kurzzeitig eingesperrt, um von hier über Bielefeld ins KZ Buchenwald transportiert zu werden. In den Kriegsjahren kamen als weitere Gruppe Zwangsarbeiter aus mehreren Nationen in das Polizeigefängnis, wenn sie von ihren Arbeitsstätten flohen oder hier im Kreis Herford aufgegriffen worden waren.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

Die Zellen wurden zum grausamen "Wartesaal" auf der Reise in eine ungewisse Zukunft. Jedes knallende Geräusch eines aufgeschobenen Schließriegels, jeder ankommende LKW konnte für die Insassen der nächste Schritt auf ihrem oft letzten Weg sein. Von hier aus ging es nach Vernehmungen und Haft von bis zu acht Wochen Dauer vor Gerichte und in andere Gefängnisse, aber auch oft direkt in Konzentrations- oder Arbeits(erziehungs)lager. Ursprünglich für die kurzzeitige Unterbringung von jeweils zwei Häftlingen in einem Zellenraum vorgesehen, ist es aus dieser Zeit überliefert, dass sich bis zu sechs Personen das spärliche Raumangebot teilen mussten.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

Die Inhaftierten durften hin und wieder einem kurzen Ausgang in den Freihof am Fuße der Rathaustreppe machen, ein Ort der von allen Besuchern des Rathauses leicht eingesehen werden konnte. Viele Gefangene hinterließen an den Gefängnistüren Schnitzereien mit Namen und Daten. Dies sind heute authentische Zeichen der Leidenden.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

Nach der Befreiung von der Naziherrschaft blieben Wache und Zellentrakt noch bis zum Bau einer neuen Polizeiwache 1964 in Betrieb. Danach wurden Flur und Zellen als Aktenlager der Stadtverwaltung genutzt. Von den 1970er Jahren bis 1987 war hier das Stadtarchiv Herford untergebracht, danach lagerten wieder Akten aus verschiedenen Ämter der Stadtverwaltung. Dadurch sind die Räume bis auf nachträglich eingezogene Kabelkanäle in relativ ursprünglichem Zustand erhalten geblieben.

Zellentrakt Gedenkstätte - Geschichte

Das 1997 gegründete Kuratorium Erinnern • Forschen • Gedenken plante seit langem die Errichtung einer dauerhaften Gedenkstätte für Stadt und Kreis Herford zur Geschichte von Terror, Verfolgung und millionenfachem Mord. Als einen authentischen Ort hatte das Kuratorium den Zellentrakt schon längere Zeit im Blick. Nach längeren Verhandlungen wies die Stadtverwaltung den Zellentrakt im Herbst 2004 als Außenstelle dem Stadtarchiv Herford zu. Zur Zeit können der Zellenflur, der Vorraum, ein Wachraum und sechs Zellen sowie der Zellenhof für die Gedenkstätte genutzt werden. Der Betrieb der Gedenkstätte wird ehrenamtlich durch das Kuratorium getragen.

Mit Unterstützung der Verwaltung und einigen wenigen Spendern konnte im Herbst 2004 mit der Umgestaltung begonnen werden. Am 9. November 2004 wurde die Gedenkstätte erstmals öffentlich präsentiert und im Frühjahr 2005 mit der Ausstellung "Anne Frank war nicht allein" eine erste Ausstellung gezeigt. Am 18. Juli 2005 fand die offizielle Eröffnung der Gedenkstätte Zellentrakt durch den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel statt.

Seitdem zeigen Kuratorium und Stadtarchiv regelmäßig Ausstellungen zu historischen und aktuellen Aspekten. Die überwältigende Resonanz, insbesondere in Reihen der Schülerinnen und Schülern aus Stadt und Kreis Herford, unterstreicht die Notwendigkeit dieser Einrichtung .

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