Verschwommenes Bild einer Zelle

„Sonntags im Gespräch“

Lesung und Gespräch zum Holocaust an Sinti und Roma mit Oswald Marschall
Oswald Marschall bei „Sonntags im Gespräch“
Oswald Marschall (Foto: Ute Pahmeyer)

Zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Sonntags im Gespräch“ lädt die Gedenkstätte Zellentrakt Herford am Sonntag, den 29. März, von 14 bis 16 Uhr zu einer thematischen Führung und einer anschließenden Gesprächsrunde ein.

Zu Gast ist Oswald Marschall, Referatsleiter im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sowie stellvertretender Vorsitzender des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Während eines kurzen Vortrags über seine Familiengeschichte gibt er persönliche Einblicke in die Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus und berichtet von den Erfahrungen seiner Familie.

Die Veranstaltung beginnt mit einer thematischen Führung durch die Gedenkstätte. Im Anschluss an die Lesung sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, im Rahmen eines offenen Gesprächs Fragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Veranstaltung ist eine Begleitveranstaltung zur aktuellen Ausstellung „Herford gehört(e) dem Führer!?“. Der Eintritt ist frei, um spenden wird gebeten. 


Rückblick

Das war ein spannender und berührender Auftakt für die neue Reihe „Sonntags im Gespräch“.

Nach einer kurzen Einführung in den Forschungsstand zur Verfolgung der Sinti im Nationalsozialismus in Herford erzählte Oswald Marschall aus seiner Karriere als Boxer mit nationaler und internationaler Auszeichnung. In dieser Zeit habe er wenig Gespür für Diskriminierung gehabt. Er war stolz darauf, „für mein Land“ zu kämpfen. Erst später habe er im Rückblick sowohl für seine Schulzeit wie auch den Alltag dafür eine Wahrnehmung entwickelt.

Einige Besucher*innen erinnerten sich an die Bornbrede in Herford, auf der noch in der Zeit ihrer Kindheit „fahrendes Volk“ in Wohnwagen lebte. Dahin durften sie nicht gehen, verboten die Eltern.

Oswald Marschall geht es darum, dass Sinti, die seit 600 Jahren in Deutschland leben, als Deutsche wahrgenommen werden. Vorurteile, wenn sie sowohl auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft wie auf Seiten der Sinti bestehen, müssen angesprochen und durch ein miteinander Umgehen ausgeräumt werden. Es ist tragisch, dass auch die in Herford lebenden Sinti sich heute nicht trauen, sich öffentlich als Sinti zu bezeichnen, weil sie mit Diskriminierung rechnen.

Ein ausführlicher Bericht aus der Geschichte der Familie von Oswald Marschall und seiner Frau Carmen berührt die Besucher*innen tief. Schreckliche Schicksale in Auschwitz: Ermordung ganzer Familien, medizinische Experimente mit Salzwasser an Kindern, Schändung durch Arbeit, Unterernährung, Auspeitschen….. In jeder Sintifamilie kommt so etwas vor, jede Sintifamilie hat eine ähnliche Geschichte. Und die traumatischen Folgen für die 3000 Überlebenden Sinti in Deutschland und ihrer Nachfahren zeigen sich auch in den Familien von Carmen Strauß-Marschall und Oswald Marschall: ein unbedingter Wille zum Leben am Tag… und in der Nacht Heimsuchungen durch Albträume aus der Zeit im KZ Auschwitz-Birkenau ein Leben lang. Da gibt es keine Heilung. 

Tatsächlich sind die Behörden in Deutschland bis in die späten 80er Jahre und zum Teil bis heute damit befasst, Vorbehalte gegen die Sinti und Roma weiter auszuleben. Ganz deutlich wird das in den Entschädigungsakten - auch im Herforder Kommunalarchiv- , dort wird „Zigeunern“ eine Entschädigung abgesprochen, weil sie nicht wegen einer rassistischen Diskriminierung sondern wegen sozial unangepassten Verhaltens im Nationalsozialismus verfolgt worden seien.

Vielen Dank für die tief berührenden Worte an Oswald Marschall und die klugen und emphatischen Nachfragen der Besucher*innen.


Und hier kommt ein Ausblick auf unser nächstes Event in der Reihe „Sonntags im Gespräch“.
Am 26.4. in der Zeit von 14 bis 16 Uhr spricht Jürgen Dolata über seine Mutter.

Seine Mutter Anna Dolata geb. Schiefer war von 1941 bis 1945 als junge Frau im Konzentrationslager Ravensbrück. Ihr „Vergehen“: Sie liebte einen polnischen Mann.

Jürgen Dolata hat mit seiner Mutter vielfach die Gedenkstätte Ravensbrück aufgesucht und berichtet von den Erfahrungen, die seine Mutter dort machen musste und welche Folgen diese für die gesamte Familie hatte und heute noch hat.

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