Verschwommenes Bild einer Zelle

Zeugnisse der Anpassung

Ergänzende Exponate für die Ausstellung
Urkunde der Fleischerinnung
Urkunde der Fleischerinnung (Foto: M. Werner)
Leuchter der Fleischerinnung
Leuchter der Fleischerinnung (Foto: M. Werner)
Martin Werner neben den zur Verfügung gestellten Exponaten
Martin Werner neben den zur Verfügung gestellten Exponaten (Foto: C. Laue)

Die Ausstellung „Herford gehört(e) dem Führer?“ in der Gedenkstätte Zellentrakt ist um weitere Exponate ergänzt worden. Sie illustrieren am Beispiel einer Handwerksinnung die schnelle Anpassung der Herforder Gesellschaft an die Nazi-Zeit. 

Im März 1934 feierte die Fleischer-Innung Herford ihr 50jähriges Bestehen und verfasste im Mai 1935 eine Urkunde, die mit den Worten „Im dritten Jahre nach der Machtergreifung in Deutschland durch den Führer ADOLF HITLER“ beginnt. 

Die Urkunde hebt hervor, das der „Führer“ der Innung neues Leben und Ansehen verschafft habe „als Grundlage gesunden Volkstums“. Die Frauen der Meister der Innung übergaben eine „Innungslade mit zwei Leuchtern“. Diese Truhe mit den Leuchtern und den wichtigen Dokumenten der Innung sollten bei den Veranstaltungen genutzt werden. Die Leuchter, - gestaltet schon im Stil der Zeit - „sollen als Lichtträger und Lichtspende die Lade erhellen und die Meister in Rat und Tat erleuchten“. 

Die Namen der Spenderinnen zeigen die Zusammensetzung der Innung, viele der erwähnten Fleischerbetriebe sind heute sicher noch bekannt, auch wenn sie nicht mehr existieren, so Deppe in der Lübberstraße, Koch in der Steinstraße oder Reckendorf, vor allem durch seine Bratwürste bekannt. 

Natürlich erscheint der Name des jüdischen Fleischers John Löwenstern in der Bügelstraße nicht, Juden durften schon im Mittelalter nicht den Zünften angehören, was sich auch später nie änderte. Die Familie Löwenstern musste wie zahlreiche weitere Handwerksbetriebe in jüdischem Besitz ab 1934 die Streichung aus den Handwerksrolle erleben und den Betrieb einstellen. Sie wurden deportiert und ermordet. An sie erinnern Stolpersteine und die Gedenkzelle im Zellentrakt. 

Urkunde und Leuchter wurden vom neuen Besitzer des früheren „Haus des Handwerks“ an der Elisabethstraße, Martin Werner, dort wieder entdeckt und der Gedenkstätte als Dauerleihgabe übergeben. Sie ergänzen nun gut die Ausstellung und ermöglichen einen weiteren Blick auf die Durchsetzung der „Gleichschaltung“ und des „Führerprinzips“ in allen Bereichen der heimischen Wirtschaft. 

Die Ausstellung ist samstags und sonntags von 14-16 Uhr und nach Vereinbarung für Gruppen oder Schulklassen unter 05221 189257 oder info@zellentrakt.de geöffnet.

Von Christoph Laue

Zur Ausstellung

 

Der Urkundentext:

 

URKUNDE

 Im dritten Jahre nach der Machtergreifung in Deutschland durch den Führer ADOLF HITLER beging die Freie Fleischer Innung zu Herford, die seit März 1934 nach Zusammenschluß mit den Innungen zu Herford Land/Amt Herford-Hiddenhausen u. Amt Vlotho den Namen 

FLEISCHER INNUNG HERFORD

 führt, zum fünfzigsten Male den Tag der Wiederkehr ihrer Gründung. In Dankbarkeit erkennt die Innung, daß die Wertschätzung des Handwerks durch den Führer der Zunft Ehre, Ansehen und neues Leben, Meistern, Gesellen und Lehrlingen Arbeit und Wohlstand wieder erstehen läßt als Grundlage gesunden Volkstums.

 In Freude hierüber, zugleich aber auch um der Innung die rechte Würde zu verleihen, haben die Frauen der Meister der Fleischer-Innung zu Herford eine

Innungslade mit zwei Leuchtern

die altehrwürdigen Zeichen der Zunft zum Geschenk überreicht. Aus heimischer Erde erwachsen von Meisters Hand geschaffen soll die Lade das Zeichen der Einheit und der Kraft der Ordnung und der zünftigen Sitte sein, Offenheit im Rat und unter den Zunftbrüdern, Geschlossenheit allen anderen gegenüber sinnbildlich verkörpern. Bei feierlichen Morgen- und Amtssprachen soll sie den Tisch des Altermanns zieren und die Amtsbriefe bewahren wie es von Alters her geschehen. Wird die Lade geöffnet soll des Amtes Tagung eröffnet sein, wird sie geschlossen, ist auch der Rat geschlossen. 

Die Leuchter sollen als Lichtträger und Lichtspende die Lade erhellen und die Meister in Rat und Tat erleuchten. Am 26. Mai des Jahres 1935 wurde dieses Pergament von dem Obermeister Friedrich Huep, Herford, mit dem Siegel der Fleischer-Innung versehen und als erste Urkunde in der Lade verwahrt, nachfolgenden Geschlechtern zum Gedächtnis.

Eigenhändig unterschrieben von dem Vorstand der Innung
Friedrich Huep, Obermeister - Fritz Stuke, Geschäftsführer - Karl Koch, Schriftführer


Die Namen der Spenderinnen sind:

E. Berger, P. Brandthoff, K. Büter, H. Deppe sen., H. Deppe jun., H. Donnersmann, J. Eisbrenner, W. Ellenbeck, A. Erb, H. Erdbrügger Ww., A. Huep, K. Huep sen., K. Huep jr., F. Huep, G. Huep sen., G. Huep jun., K. Kayser, A. Koch, K. Koch+, E. Klaus, H. Klusmann, H. Pecher sen., H. Pecher jr., E. Pracht, C. Reckendorf, M. Gaul, W. Schmidt, F. Schönfeld, H. Stiel, Ph. Stork, F. Stuke, Ph. Stuke+, O. Thaden, A. Vogt
 

Entworfen und gemeißelt wurden Lade und Leuchter von Holzbildhauer Meister Martin Husemann in Enger, die handwerkliche Tischlerarbeit besorgte Meister August Steffen, Herford. Meister Stuke stiftete eine Glocke, ein Beutestück aus Rußland.