Rozette Kats wird zum wiederholten Mal in Herford aus ihrem Leben als Holocaust-Überlebende erzählen. Am Dienstag, den 29.9. wird sie jungen Menschen in der JVA Herford begegnen und am Mittwoch, den 30.9. vor einer großen Schüler*innenzahl mit allen Jahrgängen des RGH und einigen Gästen aus anderen Schulen aus dem schwierigen Weg ihres Überlebens vortragen.
Wir freuen uns sehr, als Kuratorium an diesen Veranstaltungen beteiligt sein zu dürfen.
Die Veranstaltungen sind nicht öffentlich zugänglich, nur in Absprache.
Die Niederländerin Rozette Kats, Jahrgang 1942, erfährt am Vorabend ihres sechsten Geburtstages, dass sie das Kind jüdischer Eltern, die den Holocaust nicht überlebt haben, ist. Ihr Onkel, der einzige weitere Überlebende der Familie, vermag nicht, über die ermordeten Verwandten zu sprechen. Ihren Rettern und Pflegeeltern spielt Rozette das fröhliche Kind vor, doch es plagen sie Ängste und mit zunehmendem Alter auch Fragen über das Leben und Sterben ihrer Eltern. Erst Mitte der 1980er Jahre bekommt sie von ihrem Onkel, der schwer erkrankt ist, das Hochzeitsbild ihrer Eltern.
Es ist ein langer und schmerzlicher Prozess für Rozette Kats, mit dem Schatten der Vergangenheit leben zu lernen,ihre eigene Identität zu finden, was ihr vor allem durch ein vielfältiges Engagement in der Erinnerungsarbeit auf beeindruckende Weise gelungen ist.
Diese Veranstaltungen bieten eine persönliche Annäherung an die Frage nach der Bedeutung des Holocaust und Gedenken in der heutigen Zeit.
Das Projekt wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert.
Rückblick 29.09.2026
Das war der dritte Besuch von Rozette Kats in der JVA Herford !
27 junge Männer im Alter von 16 bis 24 Jahren waren am Dienstag, den 29.9.2026, im Kirchenraum der JVA zusammengekommen um die Geschichte von Rozette Kats zu hören.
Rozette Kats, Jetje Manheimer aus Amsterdam, Raphaela Kula, Fritz Bornemeyer vom Atelier Ostbahnhof Bielefeld und Gisela Küster vom Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken e. V., wurden durch einen langen Gang mit vielen Zellentüren geführt, hinter denen junge Männer im Alter von 14 bis knapp unter 30 Jahren einzeln inhaftiert sind. Etwa 250 junge Mensche sind derzeit in der JVA Herford inhaftiert. Ein ungutes Gefühl beschlich uns. Wie mag es den Menschen hinter diesen Türen ergehen? Wie lange werden sie hier eingesperrt bleiben? Wie wird es den jungen Männern ergehen, wenn sie wieder in die Freiheit kommen? Diese Fragen kamen auf.
Wenig später werden 27 junge Männer mit ihren Begleiter*innen in den Kirchenraum geführt und nehmen im Stuhlkreis Platz.
In der Mitte des Raumes liegen viele Fotos, die die verschiedenen Stationen aus Rozette Kats Leben dokumentieren.
Raphaela Kula stellt die Besucher*innen vor und beginnt mit einem Kurzüberblick über die Zeit des Nationalsozialismus, die Zeit also in der Rozette Kats geboren wurde, 1942 nämlich.
Rozette beginnt ihren Vortrag und ihre Erzählung trifft auf äußerst konzentriert zuhörende junge Männer. Sie stellt heraus, dass nur durch widerständiges Verhalten und verbotene Hilfeleistungen für eine jüdische Familie durch verschiedene mutige Menschen eine Flucht in den Süden der Niederlande überhaupt möglich war. Und auch hier war ein Verbleib der jüdischen Familie Kats mit Baby zu gefährlich, weil ein kleines Baby nicht versteht, dass es in bestimmten Situationen nicht schreien darf und weil ein Baby in der damaligen Zeit mit Stoffwindeln gewickelt wurde. Wenn diese auf der Wäscheleine hingen, konnten Passanten ahnen, dass möglicherweise ein Baby ( vermutlich dann ein jüdisches ) hier versteckt wurde.
Also mussten wieder mutige Menschen den Transport nach Amsterdam organisieren und durchführen und so wieder verbotene Hilfeleistung für eine jüdische Familie geben.
Amsterdam aber war äusserst gefährlich für eine jüdische Familie, die schon vor der Flucht ihre Wohnung zu räumen hatte. So gaben die leiblichen Eltern von Rozette ihr Kind in eine christliche Familie, um es vor den Gefahren des Krieges und der NS-Schergen zu retten. Dort wuchs das Kind Rozette unter dem Namen Rita auf. Fotografien zeigen ein fröhliches hübsches Mädchen.
Am Tag vor dem 6. Geburtstag erfuhr Rozette von ihrem Pflegevater, dass ihre Eltern umgebracht worden waren, dass die Pflegeeltern nicht die richtigen Eltern seien, der Name Rita nicht der richtige Name war.
Und damit sollte dann alles gut sein und nicht mehr darüber geredet werden.
Eine äußerst schwierige Situation für ein kleines Kind, das dann mit Überanpassung, Freundlichkeit, Anstrengungen, Angst, von den Pflegeeltern weggeschickt zu werden und vor allem ohne Antworten auf viele Fragen aufwuchs.
Rozette berichtet, dass die Lasten ihres Lebens immer schwerer zu tragen waren, dass Identitätsbildung mit so vielen unbeantworteten Fragen nicht möglich war, sie alle an sie gestellten Anforderungen bis zur Überforderung erfüllte und ein symbolisch immer mitgeführter Eimer mit großen Problemlasten sich füllte und überlief bis sie dann als Erwachsene zusammenbrach und erkrankte. Eine lang andauernde Psychotherapie und Treffen mit Menschen, die ähnliche Schicksale erlitten hatten, machten es möglich, dass sie gesund werden konnte und später die Geschichte ihrer Familie recherchieren und dann auch anderen mitteilen konnte, so wie an diesem Vormittag.
Beim anschließenden Betrachten der mitgebrachten Fotos ergaben sich kleine Gespräche und Möglichkeiten, Fragen zu stellen.
Nach ca. 90 Minuten wurde Rozette mit großem Applaus bedacht und verabschiedet. Die jungen Männer mussten zurück in ihre überwachten Orte.
Eine Nachbearbeitung mit einigen freiwillig sich meldenden Inhaftierten erfolgt in der nächsten Woche mit Raphaela Kula und Fritz Bornemeyer.
Das war ein beeindruckender Vormittag an einem besonderen Ort mit besonderen Menschen, der uns nachdenklich zurück ließ.
Und wir konnten wieder einmal feststellen, dass Rozette Kats genau weiß, wie sie Menschen in besonderen Situationen ansprechen kann und damit etwas bewegt. Das ist ganz sicher bei den jungen Menschen in der JVA beobachtbar gewesen und großartig waren Konzentration und Reaktionen.
Wir danken allen Beteiligten, besonders der beeindruckenden Rozette Kats und den Menschen in der JVA Herford für Offenheit und Bereitschaft für einen besonderen Vormittag.
Rückblick 30.09.2026
600 Schülerinnen und Schüler aus vier verschiedenen Schulen waren im Theater der Stadt Herford versammelt, um aus dem Leben von Rozette Kats zu hören.
Eine äußerst engagierte Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus“ mit Frau Dr. Bierhenke am Ravensberger Gymnasium hatte die Veranstaltung vor Ort vorbereitet und wartete mit allen anderen Anwesenden gespannt darauf, was Rozette Kats erzählen würde.
Rozette Kats begann ihren Vortrag sprachlich und inhaltlich wunderbar abgestimmt auf die jüngsten Zuhörer*innen. Sie erzählte von dem Abend vor ihrem 6. Geburtstag, als ihr Vater ihr erzählte, dass sie nicht das leibliche Kind von Mama und Papa sei, dass ihre eigentlichen Eltern in Auschwitz gestorben seien und es einen schrecklichen Krieg gegeben habe. Aber nun sei alles gut, der Krieg sei vorbei, sie würde da bleiben und es würde sich nichts ändern und man wolle ab sofort nicht mehr darüber reden. Der Schrecken, der Rozette damals geschüttelt hatte, wurde den Zuhörer*innen deutlich. Was bedeutete es für Rozette als 6Jährige, die damals Rita hieß, dass sie diese Nachrichten bekam. Wie sollte sie das verstehen? Was wusste sie vom Krieg, wer waren ihre Eltern, von denen sie nicht einmal ein Foto hatte, nicht wusste, wie sie aussahen und was bedeutete es vor allem, dass sie nicht mehr wie bislang Rita hieß, sondern den Namen Rozette hatte. Das konnten auc/ dir jüngsten Zuhörer*innen gut verstehen.
Sehr viele Fragen für ein kleines Kind, das aus dem Satz des Pflegevaters „und nun reden wir nicht mehr darüber“ entnahm, dass sie keine Fragen stellen dürfe und dachte, dass sie nun immer ganz artig sein müsste, um von den Pflegeeltern nicht weggeschickt zu werden.
Von Rozettes ursprünglich großer Familie mütterlicherseits und väterlicherseits war einzig ein Bruder der Mutter übriggeblieben, den Rozette einmal im Jahr besuchte, die Eltern waren in Auschwitz ermordet worden, die anderen Familienangehörigen in Sobibor.
Diesen Onkel besuchte Rozette einmal im Jahr und dann versuchte sie, ihre Fragen zu stellen: Onkel, wie waren meine Eltern, sah meine Mutter mir ähnlich? Aber der Onkel war von dem schrecklichen Holocaust, von der Ermordung seiner fast gesamten Familie traumatisiert. Er konnte darüber nicht sprechen und lenkte regelmäßig ab. So dauerte es einige Jahre, bis Rozette von ihm das Hochzeitsbild ihrer Eltern erhielt, das er aus dem Fotoalbum in einer geheimnisvollen alten Ledertasche entnahm, deren Inhalt dann erst sehr spät in Rozettes Leben Antworten auf viele Fragen gab.
Und wie ging Rozette mit all dem um? Wie konnte sie mit den vielen unbeantworteten Fragen erwachsen werden?
Rozette berichtete, dass sie überangepasst immer brav, zuvorkommend war, dass sie immer alles besonders gut machen wollte und wenn sich Probleme zeigten, sie sich einen symbolischen Eimer dachte, in das sie das Thema hineintat, es verdrängte aus ihrem Leben. Wenn im Unterricht Themen wie Familie, wie NS-Zeit behandelt wurden, so wurde sie krank und musste nach Hause gehen. Auf diese Weise umschiffte sie zentrale Fragen bei ihrer Identitätsbildung und wurde später so krank, dass sie zusammenbrach.
Erst eine umfassende Therapie und ein Treffen mit ca. 500 Menschen, die ähnliche Schicksale erlebt hatten und häufig auch in ihrem Leben gescheitert oder zusammengebrochen waren, machten sie gesund. Auf diese Weise konnte sie tatsächlich Rozette Kats werden, die nun endlich Antworten auf zentrale Fragen ihres Lebens gefunden hatte, die zusammen mit anderen in Sobibor trauern konnte, die in Initiativen aktiv war, die die Gräueltaten des Nazi-Regimes aufzeigten und die schließlich schon über viele Jahre an vielen verschiedenen Orten und vor allem auch in Schulen über ihr Schicksal erzählte.
Das war insgesamt eine Geschichte, die unter die Haut ging und die vielen Schüler*innen verschiedener Altersstufen recht konzentriert zuhören liess. Sogar ein kleines Gespräch mit den Jüngeren war möglich.
Rozette Kats ist im letzten Jahr Schulpatin des Ravensberger Gymnasiums als Schule ohne Rassismus geworden und als Patin kam Rozette Kats auch in diesem Jahr gerne in die Schule.
Wie kam es eigentlich dazu?
2024 war Rozette Kats durch die Initiative und Organisation von Raphaela Kula und Fritz Bornemeyer vom Atelier Ostbahnhof Bielefeld und in Kooperation mit dem Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken e.V. erstmalig in Herford. Sie hielt ihren Vortrag in der Synagoge und in der Aula des Friedrichsgymnasiums vor Oberstufenschüler*innen des FG und des RGH.
Im nächsten Jahr ergab sich über Kontakte von Rozette Kats, Jetje Manheim, Raphaela Kula und Fritz Bornemeyer für 5 Schüler*innen und 2 begleitende Lehrer*innen die Möglichkeit der Teilnahme am International Youthworkshop Sobibor.
Hier waren die auch Rozette Kats und Jetje Manheim engagiert. Die ganz besonderen Erlebnisse mit Jugendlichen aus den Niederlanden und Polen ganz nah an der Grenze zum Krieg in der Ukraine an einem Blutort Sobibor machte aus den Teilnehmenden überzeugte, engagierte Zeuginnen und Zeugen für die Erinnerung und das Gedenken an die Verbrechen durch den Holocaust und den Einsatz für Menschlichkeit und Frieden in Gegenwart und Zukunft unserer Welt.
In der Folge war eine großartige Dynamik in der SoR- Ag zu beobachten:eine Gedenkveranstaltung im Elsbachhaus, wo über die Erfahrungen der Sobiborfahrt berichtet wurde, die Planung für die nächste Fahrt, die dann leider auf 2026 verschoben werden musste, weil der Veranstaltungsort durch den Krieg zu gefährlich geworden war, eine beeindruckende Gedenkveranstaltung mit allen RGH-Oberstufenschüler*innen in der kleinen Markthalle, die Idee, Rozette Kats zu fragen ob sie Schulpatin werden wolle, die Nominierung als Schulpatin beim Besuch im letzten Jahr und schließlich eine weitere Fahrt nach Sobibor mit 5 Ravensberger*innen vor den Sommerferien, Planung und Besuch von Rozette Kats aktuell und Planung des in den kommenden Herbstferien stattfindenden Besuchs in Sobibor.
Und zwischendurch erhielt die SoR- Ag in den Niederlanden mit der selbst erstellten Broschüre „Sobibor und wir“ im Amsterdamer Widerstandsmuseum den Jules-Schelvis- Preis 2025. Auch zum Heiko Ploeger-Gedenken wurde ein Beitrag geleistet.
Der große Dank und ebenso große Bewunderung geht von uns an Rozette Kats, die mit Empathie und Offenheit auch die Herzen der jungen Menschen öffnet und sie zu begeisterten Zuhörer*innen macht und sicher in Erinnerung bleibt, und an Raphaela und Fritz, durch deren Freundschaft und Organisation all das nicht möglich gewesen wäre.
Die Klassen 6 bis 1O vom Ravenberger Gymnasium und ca. 100 Oberstufenschüler*innen von der Gesamtschule Friedenstal, dem Elisabeth-von-der-Pfalz-Kolleg und dem Friedrichsgymnasium nahmen an der Veranstaltung teil und applaudierten begeistert.
Sehr besonders möchten wir uns bei der Ag Schule ohne Rassismus des Ravensberger Gymnasiums bedanken. Mit Viviane Bierhenke hat diese Ag unglaublich viel in den letzten Jahren bewirkt. Man merkt im Gespräch, dass Freude am Tun und an Kreativität und die tiefe Einsicht in eine mögliche lebendige und notwendige Gedenkkultur das Engagement begleiten und fördern.
So wie Rozette es sich wünscht, erst mal aufeinander zugehen und sich kennenlernen, nicht gleich bewerten, arbeiten die engagierten Ravensberger*innen miteinander, füreinander und für die Schule als Ganzes.
Und darüberhinaus haben diese Aktivitäten der AG Vorbildfunktion für andere Schulen, die die Ag bereits besucht haben und sich inspirieren ließen .
Wie schön, dass wir als Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken e.V. und Gedenkstätte Zellentrakt durch Öffnen von Türen einen kleinen Beitrag dazu leisten durften.
Großartig ist es zu sehen, was daraus geworden ist und es gibt Kraft für weiteres notwendiges Engagement für eine lebendige moderne Erinnerungs- und Gedenkkultur.



















