Einladung zur Lesung mit Barbara Stellbrink-Kesy
aus ihrem Buch: „Unerhörte Geschichte Frei – aber verpönt“
am 15.6.2023, 19 Uhr
in der Gedenkstätte Zellentrakt im Rathaus Herford
„Unerhörte Geschichte; frei aber verpönt“
Verlag am Turm, zba.Buch Berlin, 2020
Von Barbara Stellbrink-Kesy
Irmgard war die sprichwörtliche Leiche im Keller meiner Familie. Ich erzähle, in einer Textcollage aus Dokumenten, fiktiven Szenen und in Dialogen, die Geschichte einer Frau, über die 70 Jahre lang nicht gesprochen werden durfte. Leider habe ich, ihre Großnichte, sie nicht mehr kennenlernen können. Denn sie verhungerte – widerständig bis zuletzt, wie die Krankenakte beweist – 1944 in einer Anstalt. Erst sieben Jahre später wurde ich geboren. Bereits früh hatte sie sich – Protoyp der ‚Neuen Frau‘ - geltenden Moral- und Ordnungsvorstellungen verweigert. So hatte meine hübsche Tante während des ersten Weltkrieges allein in Berlin gelebt – mit Neunzehn! Sie las „Schundliteratur“ und den Mann, den sie ‚unter ihrem Stand‘ zum Entsetzen ihrer Eltern heiratete, wollte sie später verlassen und ihre Kinder allein durchbringen. Sie glaubte an die neue Zeit. Heute käme sie uns wohl sehr ‚normal‘ vor. Für das bildungsbürgerliche Sozialverständnis rüttelte sie – vor allem mit ihrer losen Sexualmoral - am Kern der politischen und gesellschaftlichen Ordnung. Sie wurde traumatisiert und Opfer sozialrassistischer Verfolgung.
Ich verzichte bewusst darauf, die Schreckenskammer ein weiteres Mal aufzutun und die Leser*innen durch Grauen zu überwältigen. Statt dessen teile ich Irmgards Verletzlichkeit und stelle in fiktiven Dialogen mit meiner ermordeten Tante Fragen nach den Ursprüngen und dem Einfluss der Eugenik auf das Geschehen, nach Rassismus als Wiederkehr des Verdrängten und nach den Auswirkungen dieser Gewalt heute.
„Ich weiß gar nicht, ob ich schon richtig gelebt habe“, schrieb sie 1940, „bewusst jedenfalls nicht, darauf warte ich noch. Nur krank stellenweise und gehemmt. Und frei aber verpönt.“
Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit NRWeltoffen im Rahmen der Antirassismuswochen statt.









